(Dieser Text ist mein Beitrag zum Sammelband “KI und Demokratie” herausgegeben von Ramona Casasola-Greiner und Korbinian Rüger. Gerade in einer Zeit in der Ministerpräsidenten sich ihre Gastbeiträge und Reden vibe-schreiben lassen oder Bundesminister ihre Reden zum Bundestag oder in Ausschüssen aus irgendeinem Sprachmodell ziehen, während sie nicht müde werden konstant anstelle echter Transformation und Innovation alles mit KI Slop zukleistern wollen, finde ich es wichtig, den Argumenten potenziell etwas mehr Reichweite zu geben. Kauft trotzdem gerne das Buch, es sind viele interessante Beiträge drin.)
Die wahrgenommene Geschwindigkeit eines allgemeinen Wandels hat in den letzten Jahren, wahrscheinlich Jahrzehnten zugenommen. Dabei beschreibt Wandel nicht nur eine konkrete Veränderung eines Teilsystems der Lebensrealität der Menschen (wie z.B. Wirtschaft) sondern eine größere Bewegung, in der sich in unterschiedlichen Bereichen des Lebens deutlich fühlbare, oft strukturelle Veränderungen ergeben, die sich gegenseitig beeinflussen: Die Klimakatastrophe beispielsweise zerstört an einem Ort der Erde die Lebensbedingungen der Menschen, diese migrieren in andere Bereiche der Erde wo dann plötzlich ein Diskurs über Migration immer mehr Raum einnimmt und darauf aufbauend rechtsradikale Parteien die Institutionen des Systems grundsätzlich in Frage stellen.
Gleichzeitig werden die etablierten Institutionen unserer Demokratie oft als zu wenig wandlungsfähig und „agil“ bewertet, um sich an die Anforderungen der Gegenwart und Zukunft anzupassen: Insbesondere demokratische und organisatorische Prozesse und Regeln werden eher als Hindernis angesehen – oft gekleidet in Beschwerden über ausufernde Bürokratie, gerne auch in ihrer Ironischen Steigerung: Dem „Schildbürgerstreich“.
Wenig steht so deutlich für den Einfluss dieses Narratives wie die Ankündigung der neuen Bundesregierung unter Friedrich Merz für ein neues Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung: Am 13.05.2025 schreibt die Bundesregierung: „Ziele des neuen Ministeriums sind die grundlegende Modernisierung unseres Staates und ein umfassender Abbau von Bürokratie.“
Doch nicht nur in Deutschland wird der Bürokratieabbau und die technologisch getriebene Staatsmodernisierung auf höchster Ebene vorangetrieben: US Präsident Trump instanziierte in seiner zweiten Amtszeit unter der Führung des Tech-Oligarchen Elon Musk das Department of Government Efficiency (DOGE): DOGE sollte sich den Staatsapparat der USA vornehmen, überflüssige Bürokratie (und die Beamten und Angestellten, die sie umsetzen) entfernen und durch technologische Innovation und insbesondere den Einsatz von künstlicher Intelligenz („KI“) die US Verwaltung effizienter, leistungsfähiger und vor allem kostengünstiger machen. Trotz der offensichtlich mit wenig Domänenkompetenz und Seriösität durchgeführten Kürzungen wurde die Existenz der DOGE Behörde auch in Deutschland insbesondere in der Wirtschaft durchaus positiv rezipiert. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom AG Höttges forderte beispielsweise Anfang Mai im Zuge des Mobile World Congress in Barcelona: „Was Europa braucht, ist ein Doge.“
Es besteht im gesellschaftlichen Mainstream eine breite Unterstützung für diffuse Forderungen nach mehr Effizienz bzw. weniger Bürokratie. Und gerade dem Hype-Thema „KI“ wird hier eine besondere Rolle zugesprochen.
„KI“ als Digitalisierungsmagie
Digitalisierungsprozesse, in denen nicht nur das neugeschaffene Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung sondern auch Unternehmen der freien Wirtschaft und diverse Organisationen der Zivilgesellschaft den Schlüssel für einen moderneren und evtl. auch leistungsfähigeren Staat sehen, sind so schwierig in der Umsetzung, wie sie populär sind: Die aktuellste Version des traditionsreichen CHAOS Report der Standish Group von 2020 („CHAOS Report Beyond Infinity“) enden 66% aller Technologieprojekte in partiellem oder totalem Fehlschlag1. Und auch wenn diese Arten von Zahlen immer nur auf einem kleinen Ausschnitt des Marktes basieren, so zeigen diverse Studien immer wieder ähnliche Zahlen: Digitalisierungsprojekte schlagen immer noch mit einer hohen Wahrscheinlichkeit fehl.
Selbstverständlich gibt es dafür diverse, oft komplexe Gründe: Durch großen Druck auf die Budgets werden zu wenige Ressourcen bereitgestellt, um das Projekt zu stemmen oder das Projekt stößt in der Umsetzungsphase auf signifikante technische Hürden. Die Integration von Bestandssystemen (sogenannten „Legacy Systemen“) stellt sich häufig als extrem zeitaufwändig und fehleranfällig dar, und das Framing von Digitalisierungsprojekten als technische Aufgabe verstellt den Blick darauf, dass digitale Transformation von Prozessen immer auch die Veränderung der Prozesse selbst, der Organisation mit sich bringt: Digitalisierungsprojekte sind zu einem großen Teil soziale und organisatorische Projekte. Doch zu oft werden bestehende Strukturen einfach mit digitalen Tools nachgebildet in der Hoffnung dadurch Effizienzgewinne zu heben: Wer allerdings einen schlechten Prozess blind digitalisiert, hat am Ende einfach nur einen schlechten digitalen Prozess.
In diese Lücke stößt der „KI“-Diskurs, der „KI“-Systeme als „Everything Machines“ darstellt. Anders als etabliertere Softwarewerkzeuge, die für bestimmte und definierte Domänen oder Einsatzbereiche entwickelt und getestet wurden, versprechen „KI“-Systeme eine generelle Anwendbarkeit. An Stelle der mühsamen und zeit- und personalaufwändigen Analyse eines soziotechnisches Systems und seiner nachgelagerten Um- oder Neugestaltung tritt der Rückgriff auf „die KI“ – was im heutigen Falle meistens stochastische Vorhersagemodelle wie Large Language Modelle (LLMs) bedeutet. Da LLMs mit optionalem Zusatztrainingsaufwand plausibel aussehende Ergebnisse liefern, hat sich die Hoffnung und Vision etabliert, dass man die Mühen der echten Analyse und Arbeit an digitaler Transformation ersetzen kann durch die richtigen – fast wie einen Zauberspruch behandelten – Prompts von LLMs.
Stochastische „KI“-Systeme bieten für diesen Diskurs alleine schon ihres Namens wegen eine massive Projektionsfläche: Der Begriffsbestandteil „Intelligenz“ behauptet eine generische Problemlösungskompetenz hin, die in der Realität natürlich nicht existiert. Im Rausch des gesellschaftlichen und medialen Hypes um LLMs und verwandte Systeme ist es jedoch kaum möglich zu argumentieren, den „traditionellen“, teuren, risikoreichen Weg zu beschreiten: „KI“ wird es – nein muss es – schon richten.
Moderne „KI“ Systeme lassen sich in zwei Klassen kategorisieren: Diskriminative „KI“ Systeme, d.h. Systeme, die die in ihnen gespeicherten Muster zur Klassifikation einsetzen, und Generative „KI“ Systeme, die die gespeicherten Muster nutzen, um Inhalte ähnlicher Struktur zu erzeugen.
Für Digitalisierungs- und Transformationsprojekte spielen beide Arten sehr unterschiedliche Rollen: Diskriminative „KI“ ist grundsätzlich dazu geeignet, um bisher unstrukturierte oder analoge Daten durch die Anwendung neuronaler Netze so aufzubereiten, dass sie von traditionellen digitalen Prozessen weiterverarbeitet werden können. Diese Art von „KI“ Systemen verspricht also eine günstige, allgemeine Zugänglichmachung der ganzen Welt und ihrer Historie für IT Systeme – wenn die Datenaufbereitung denn eine ausreichend gute Qualität hat.
Generative „KI“ hingegen verspricht vor allem einen massiven Zugewinn an Effizienz und damit – mittelbar – eine Reduktion der benötigten Personalressourcen: Wo diskriminative „KI“ eher als Adapter für bestehende Systeme eingesetzt wird, so werden generative „KI“ Systeme mehr oder weniger deutlich als Ersatz für menschliche Arbeitskraft argumentiert. So stellt generative „KI“ in dieser Lesart den komplexen, risikoreichen Transformationsprozessen eine Maschine, die angeblich alles irgendwie kann entgegen: Die Mühen der Arbeit an sozialen Systemen werden nicht gemildert sondern versprochen, dass man sie sich gar nicht mehr zu machen braucht, weil die „Everything Machine“ alle Probleme magisch und reibungslos aus der Welt schafft.
Bürokratie, Demokratie, Friktion
Wenn heute über die Anforderungen an moderne Staaten gesprochen wird oder positive Beispiele vorgestellt werden sollen, dann stehen Administrationen im Zentrum, die bestimmte Prozesse digitalisiert haben: Staaten in denen man diverse Verwaltungsakte einfach „mit ner App“ erledigen kann oder in denen man beispielsweise digitale Dokumente und Zertifikate in einer digitalen Wallet verwalten kann.
Modernes Staatswesen wird zunehmend als etwas wahrgenommen, dass grundsätzlich und durchgängig digital sein muss. Und nicht nur einfach digital sondern digital auf eine Art, die die Apps von kommerziellen Diensten spiegelt im Hinblick auf User Experience und Einfachheit – losgelöst davon, ob die Szenarien der Nutzung einer Social Media Platform und beispielsweise eines Antrags auf eine Sozialleistung überhaupt vergleichbar sind in Hinblick auf Risiken, Konsequenzen und Nuance.
Wenig Ideen in unserer Gesellschaft finden wahrscheinlich ähnlich viel Zustimmung wie Hass auf Bürokratie. Bürokratie nervt Menschen mit Formalismen, die nach außen keinen Sinn ergeben oder mit Aufgaben, die man nicht versteht. Bürokratie macht Prozesse langsam und ineffizient. „Bürokratieabbau“ ist der letzte Wert, auf den man sich gesellschaftlich noch zu einigen im Stande zu sein scheint.
Doch gibt es gerade in demokratischen Gesellschaften natürlich eine positive Bürokratieerzählung: Bürokratische Prozesse sollen sicherstellen, dass Macht und Einfluss nicht von Einzelnen oder Gruppen genutzt werden kann, um andere Menschen illegal zu benachteiligen. Bürokratie ist immer auch Teil unserer Regeln und Gesetzte, soll sicherstellen, dass die Normen, die wir uns demokratisch gegeben haben, auch in der Realität umgesetzt werden. Bürokratie soll sicherstellen, dass der Gleichbehandlungsgrundsatz (Art. 3 GG: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“) auch wirklich umgesetzt wird, indem Entscheidungen und die Informationen, die zu ihnen geführt haben, dokumentiert und damit überprüfbar werden. Dass die Missachtung von Recht aufgedeckt und sanktioniert werden kann. Gerade weil Verwaltungsapparaten eine so große strukturelle Macht zukommt im Vergleich zu den Menschen, deren Leben sie beeinflussen.
Nach dieser Lesart ist Effizienz gar nicht das Hauptziel von Bürokratie, im Gegenteil: Eine gewisse Entschleunigung, die Deliberation und die bewußte Abwägung ermöglicht, ist wünschenswert, um den von Bürokratie betroffenen Menschen und ihren Bedürfnissen wie auch dem geltenen Recht und den Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht zu werden. Die Langsamkeit von Bürokratie ist damit nicht nur ein reiner Seiteneffekt sondern teils sogar ein Feature, das Eingriffe in laufende Prozesse, Widersprüche und legitime demokratische Einflussnahme überhaupt erst ermöglicht. Was selbstverständlich nicht bedeutet, dass jeder bürokratische Prozess über Kritik erhaben ist und niemals verändert oder verbessert werden kann. Aber eine Verbesserung kann dabei nie nur auf Effizienz schielen sondern muss die demokratischen Normen und Werte im Blick behalten: Teilhabe, Fairness, Zugang.
Bürokratie ist positiv gelesen eine Manifestation des Bewusstseins eines demokratischen Staates, die Durchsetzung seiner Normen und damit auch die Garantie der Rechte der Menschen in seinem Staatsbereich sicherzustellen.
Dabei ist Bürokratie nicht der einzige Aspekt einer Demokratie, der – quasi per Definition – ineffizient ist. Denn Demokratie selbst basiert auf dem permanenten Austausch ihrer Teilnehmenden, auf kontinuierlichem Streit über Ziele, Bedürfnisse und Werte: Demokratie ist immer Reibung.
Die Aushandlungsprozesse, die Menschen überhaupt erst ihre Teilnahme am demokratischen Staat und die Einbringung ihrer politischen Ziele und Werte ermöglichen, sind grundsätzlich ineffizient und reibungsvoll. Erst die Unterdrückung von demokratischem Austausch und Teilhabe bringt Effizienz ins System und schafft nebenbei die Demokratie ab.
Somit ist die grundsätzliche Ablehnung von Bürokratie als „ineffizient“ oft nur ein Proxy für die grundsätzliche Ablehnung demokratischer Prozesse.
Reibungslose Technokratie
Technokratie ist ein Verständnis von Administration und auch Gesellschaft, in der Entscheidungen auf Basis von wissenschaftlichen, als objektiv oder neutral geframten Fakten getroffen werden. Technokratie basiert also auf dem Glauben, es gäbe nahezu immer „richtige“ Entscheidungen, deren Korrektheit sich nicht aus politischen Überzeugungen, Emotionen oder abstrakten Werten ableiten läßt, sondern aus Zahlen, Daten, Fakten, die jede Ideologie transzendieren.
In dieser Denkweise sind demokratische Prozesse, die immer auf Ideologien, Überzeugungen, persönlicher Lebensrealität, usw. basieren, wenig wertvoll oder gar essentiell: Sie sind immer Verschwendung und Reibung. Warum sollte man 1000 Menschen, die in einer Nachbarschaft wohnen, fragen, was sie wollen, wenn man einfach einen Experten fragen kann, der die korrekte Antwort gibt?
Zusätzlich suchen Technokraten – wie der Name schon andeutet – ihr Heil oft in technischen Systemen, die das „richtige“ Vorgehen umsetzen und von menschlichem, nicht-neutralem, emotionalem Einfluss befreien sollen. Hier taucht dann auch oft wieder die Figur der Effizienz auf: Ein technisches System trifft nicht nur die „richtige“ Entscheidung, sie tut es auch schneller als Menschen das könnten. Für die Umsetzung solcher Systeme sind die staatlichen Stellen dann meist nicht aufgestellt, was die Tür für das Heer aus Expert*innen und Berater*innen öffnet, die für den Staat Lösungen designen und implementieren sollen.2
Doch die meisten Debatten haben keine „korrekte“ Lösung, Demokratie ist keine Gleichung, die es zu lösen gilt. Viel mehr geht es um eine kollektive Deliberation, ein Aushandeln von Bedürfnissen, ein Bilden von Allianzen und Kompromissen und die Organisation von genug Zustimmung, um die eigenen Ziele durchzusetzen. Eine funktionierende Demokratie erzeugt keine „korrekten“ Ergebnisse sondern welche, die demokratischen Rückhalt und damit Akzeptanz haben.
Hier öffnet sich die Debatte um Demokratie dem Thema „KI“: Denn „KI“ wird wie oben beschrieben auch als Maschine dargestellt, die Rationalisierung und Effizienz herstellen kann und soll. Als eine „Everything Machine“, die jedes Problem, das man ihr entgegenwirft für uns löst und für uns entscheidet: Wir verbleiben „all watched over by Machines of Loving Grace“. Dabei bleibt allerdings Transparenz völlig auf der Strecke.
Black Boxes
„KI“ Systeme moderner Prägung, d.h. neuronale Netze trainiert auf Basis statistischer Muster in Daten, untergraben Mitbestimmung, indem sie Momente und Möglichkeiten der Deliberation und demokratischen Einflussnahme „wegoptimieren“. Sie sind damit allerdings nicht alleine, auch andere technische Systeme, die zu einer Automatisierung von Prozessen eingesetzt werden, können diese Eigenschaft haben.
Bei „KI“ Systemen kommt allerdings ihre besondere Eigenschaft erschwerend hinzu: Sie sind völlig opak. Ein traditionelles System, welches Entscheidungen trifft, kann nachträglich analysiert werden, es können Fehler in der Programmierung oder Fehlannahmen bei der Konzeption durch Analyse- und Debuggingmethoden aufgedeckt und dann behoben werden. Doch die Ausgaben moderner „KI“ Systeme sind nicht nur nicht besonders deterministisch, d.h. dieselbe Eingabe kann radikal unterschiedliche Ausgaben erzeugen je nach Einstellung bestimmter Parameter des statistischen Modells, sondern können nicht erklärt werden.
Die im dem „KI“ System zugrundeliegenden Modell manifestierten Strukturen sind nicht in einem bewußten Prozess der Anforderungsanalyse und Domänenmodellierung konzipiert und gestaltet worden, sondern einfach durch statistische Methoden aus einen Korpus an sogenannten „Trainingsdaten“ extrahiert. Dabei entstehen im Modell aber nicht benennbare und in ihren Wirkbeziehungen analysierbare Repräsentationen realer Objekte sondern nur statistische Gewichte in einem neuronalen Netz. Und wofür diese stehen ist völlig unklar.
Wenn ein System in der Verwaltung beispielsweise Menschen mit einem Alter über 60 Jahren diskriminiert, kann man in einem Analyseschritt feststellen, wo genau das Alter in den Prozess einfließt. Im neuronalen Netz, welches für dasselbe System trainiert wurde gibt es keinen Knoten oder eine Menge von Knoten die „Alter“ belastbar repräsentieren und auf die man einwirken könnte.
Diese Systeme können unter Umständen sehr effizient sein, belasten aber insbesondere marginalisierte Gruppen zusätzlich. Nicht nur werden diese Gruppen auf Basis der in den Trainingsdaten eingebetteten Vorurteile vom System diskriminiert, sie müssen zusätzlich jetzt noch in jedem Einzelfall Einspruch und Beschwerde einlegen ohne die Hoffnung, dass das System dadurch strukturell repariert werden kann. Die Benachteiligung und damit Ausschlusswirkung wird also durch die Struktur und Wirkweise des „KI“ Systems noch verstärkt. Dass diese Systeme dann zusätzlich noch besonders schnell sind und damit den ganzen Prozess „aufhitzen“ entfaltet ebenfalls eine negative Wirkung: Denn die berechtigten Beschwerden marginalisierter Personen werden noch zusätzlich als extreme Störung des effizienten Systems wahrgenommen.
Die Opakheit moderner „KI“ Systeme ist damit ein großes Problem für Fragen von Transparenz. Transparenz selbst ist natürlich kein Wert an sich, sie bildet allerdings die Grundlage, die es gesellschaftlichen Akteuren wie Journalist*innen aber auch Behörden selbst, NGOs und Betroffenen ermöglicht, Machtmissbrauch, Korruption, Diskriminierung und ähnliche Normenverstöße aufzudecken und damit zu kritisieren. Ohne eine gewisse Menge an Transparenz von Prozessen können demokratische Grundprinzipen wie die Kontrolle von Macht aber auch die immer nötige Evaluation und Weiterentwicklung unserer administrativen Systeme auf Basis von Änderungen in der Welt oder den Bedürfnissen der Menschen nicht stattfinden. Ein Mangel an Transparenz erschwert es, Prozesse zu verbessern.
„KI“ Systeme sind strukturell antitransparent. Selbst, wenn ich das neuronale Netzwerk und seine Parameter in der Hand halte, erklärt sich mir das Verhalten des Systems nicht. „KI“ Systeme haben aufgrund der Art, wie sie trainiert sind, einen konservativen Bias in dem Sinne, dass sie immer nur mit Daten aus der Vergangenheit trainiert wurden: „KI“ Systeme sind tendenziell immer rückwärtsgewandt und reproduzieren die Muster, die sie in ihren Trainingsdaten, die das gestern beschreiben, gesehen haben. Dieses etablierte Problem, das natürlich zu diversen Formen von Diskriminierung führen kann, wenn ein „KI“ System beispielsweise immer noch überkommene Bilder über LGBTQ Personen oder andere marginalisierte Gruppen auf Basis seiner Trainingsdaten reproduziert, wird im Kontext demokratischer Prozesse noch mit einer weiteren Form von Konservativismus angereichert: Weil bestehende „KI“ Systeme keine echte Evaluation erlauben, machen sie eine iterative Verbesserung und Anpassung schwieriger, bleiben damit also tendenziell statisch. „KI“ Systeme frieren den aktuellen Zustand der Verwaltung ein.
„KI“ als politisches Projekt
Wir haben im Laufe dieses Artikels „KI“ Systeme vor allem als Form von technischer, digitaler Automatisierung geframed. Das ist nicht ganz falsch, ordnet „KI“ Systeme aber auch in eine falsche Kategorie ein: „KI“ Systeme sind keine Werkzeuge.
Werkzeuge sind Artefakte, die von Menschen für spezifische Problemlösungen auf Basis ihres Verständnisses über die Problemdomäne designed und gebaut wurden. Sie enthalten große Mengen von Wissen und Erfahrung, die sich im Design des Artefaktes, in der Art, wie es Lösungen für Probleme anbietet niederschlagen und aus ihnen gelesen werden können. „KI“ Systeme als „Everything Machines“, die angeblich alles können, sind somit anders zu behandeln, als spezifische Systeme, die auf konkrete Probleme in spezifischen Domänen hin entwickelt wurden.
Es verdeutlicht sich gerade an der Art wie „KI“ Systeme als Lösung für alles dargestellt werden, wobei technisch sehr unterschiedliche Dinge „KI“ sein sollen, dass „KI“ kein technisches System ist, sondern auf anderer Ebene funktioniert. „KI“ ist alles, auf das man seine Fantasien von allmächtigen Maschinen oder Output ohne menschliche Arbeit projizieren kann, ob es ein LLM, ein Excel Macro oder ein Callcenter in Indien ist.
Der Forscher Ali Alkhatib stellte in einem kurzen Artikel mit dem Titel „Defining AI“ eine deutlich zielführendere Definiton von „KI“ auf: „KI ist ein ideologisches Projekt um Authorität und Autonomie von den Menschen weg hin zu zentralisierten Strukturen von Macht zu verschieben“3. Der ganze „KI“ Diskurs ist darauf ausgerichtet, die Möglichkeiten von Individuen auf die Prozesse, die sie umgeben, einzuwirken zu reduzieren. „KI“ Systeme sind aufgrund ihrer Kosten und der Komplexität im Aufbau und Betrieb faktisch nur durch Big Tech Unternehmen bereitstellbar. Und so verschiebt sich noch mehr Macht auf diese eh schon mit massiver ökonomisch begründeter Macht ausgestatteten Unternehmen, von denen sich demokratische Staaten immer abhängiger machen. Doch eine Reduktion von Möglichkeiten der politischen Einflussnahme durch die Bürger bei gleichzeitiger Reduktion der Möglichkeiten Macht zu kontrollieren und einer zunehmenden Zentralisierung von Macht bei nicht demokratisch legitimierten Tech Unternehmen ist gerade das Gegenteil demokratischer Prinzipien.
Durch Versprechen von Effizienz und technokratischer Neutralität schleifen „KI“ Systeme – wohlgemerkt nicht als technische Artefakte sondern als politisches Projekt – demokratische Werte und Strukturen, die diese Werte eigentlich sicherstellen sollten. Der „KI“ Einsatz zielt dabei, wie Alkhatib schrieb, explizit auf eine Entmündigung auf allen Ebenen ab:
- Bürger*innen sollen weniger Einfluss auf Prozesse haben – Einfluss der zum Beispiel für eine Regulierung sorgen könnte, die Tech-Unternehmen nicht passen würde
- Behörden und Regierungen sollen zunehmend abhängig werden von den technischen Infrastrukturen großer Konzerne, die ihnen die „optimalen“ Lösungen verkaufen
„KI“-Jünger versprechen, Demokratie effizient und adaptiv zu machen. Die Aufgabe von Demokratie ist aber überhaupt nicht, effizient zu sein, ganz im Gegenteil: Demokratie kann nicht so reibungslos ablaufen, wie der Verkaufsprozess in einem Online Shop. Staaten sind eben keine Unternehmen, die intern ihre Prozesse nur nach dem Ziel von Profitmaximierung ausrichten. Und insbesondere demokratische Staaten müssen sich, um die Werte und Grundlagen, auf denen sie konstruiert sind, zu schützen, gegen technokratische Übergriffe, die ihre Prozesse auf Effizienz hin umkrempeln wollen, stellen. Die Aufgabe demokratischer Staaten ist nicht, intransparente „KI“ Systeme zu integrieren sondern sich ihnen entgegenzustellen. „KI“ Systeme sind ein struktureller Angriff auf die Demokratie und nicht ihr Helfer. Wir brauchen nicht mehr Effizienz und Reibungslosigkeit für die Weiterentwicklung unserer Demokratien sondern Differenz, Debatte, Austausch und gegenseitiges Verständnis. Wir brauchen das Gegenteil von wasauchimmer „KI“ sein soll.
1Ein partieller Fehlschlag kann dabei sowohl die Nichterfüllung wichtiger Anforderungen wie auch die signifikante Überschreitung des Projektbudgets sein, ein vollständiger Fehlschlag eines Projektes ist der Abschluss des Projektes ohne einsatzbereite Lösung
2Eine Dynamik, die Mariana Mazzucato in ihrem Buch „The Big Con“ zurecht als Infantilisierung des Staates beschreibt
3Engl: „AI is an ideological project to shift authority and autonomy away from individuals, towards centralized structures of power.“

